Lektionen der Geschichte

Die einen nur Opfer, die anderen nur Täter?

Was wissen deutsche Schüler von der polnischen Geschichte?

Im Jahre 2003 schrieb der ehemalige Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi (SPD), unter der Überschrift »Hat uns Erinnerung das Richtige ge­lehrt« u.a. folgendes:

»Die meisten Deutschen wissen im Übrigen heute mehr über die zwölf kurzen Jahre des Nationalsozia­lismus als über Jahrhunderte deutscher Geschichte davor. Kein anderes Volk befaßt sich mit den Schat­tenseiten seiner Geschichte so intensiv wie wir. Für Deutschlands Zukunft und für unsere Demokratie ist heute nichts wichtiger als ein Klima offener und breiter Meinungsfreiheit. Sie ist das Fundament der Demokratie. Wir müssen uns vor einer Bedrückung durch allzu mächtige Political Correctness schützen. Gerade wegen unserer Geschichte gilt dies für uns Deutsche in besonderem Maße. Nur in offener Mei­nungsfreiheit, die auch extreme Abweichungen tole­riert und dann im politischen Streit austrägt, erwach­sen Mut und Kreativität. Denn Zivilcourage wächst und zählt nur in der Praxis.«

An diese Worte wird man immer wieder erinnert, wenn es um die Frage des Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin geht.

Trotz eines parteiübergreifenden Beschlusses des Bundestages bzw. des Koalitionsabkommens zwischen SPD und CDU/CSU wird unter Hinweis auf polnische und tschechische Einwände und Verstim­mungen der Bau immer noch verzögert.

Die Kanzlerin reist sogar nach Warschau, um für Verständnis in dieser Sache zu werben. Haben wir überhaupt einen Grund dafür? Dürfen wir in unserer Hauptstadt nicht der deutschen Opfer von Vertreibung gedenken, ohne die Vertreiber zu fragen, die ja nicht, wie sie behaupten, immer nur Opfer deutscher Aggres­sionen waren, sondern auch selbst Täter?! Letzteres auszusprechen fällt wohl auch unter die sogenannte Political Correctness, und ich weiß nicht, ob an deut­schen Schulen daran erinnert werden darf. Wenn also Bad Essener (Schulpartnerschaft im Landkreis Osna­brück) Gymnasiasten nach Deutsch Krone reisen, dann sind sie sicherlich über die zwölf Jahre des Dritten Reiches genauestens unterrichtet. Was aber wis­sen sie von der polnischen Geschichte von 1918 bis 1946?

Noch 1939 schien keineswegs klar, daß die National­sozialisten die schlimmsten Antisemiten in Europa waren. In Polen etwa herrschte kein Mangel an Zei­tungsartikeln, die aus dem Völkischen Beobachter hät­ten stammen können. Bereits im August 1934 erklärte ein Autor, der unter dem Pseudonym »Hakenkreuz« schrieb, in der katholischen Zeitung »Pro Christo«: »Wir sollten nicht nur Anhänger des Talmuds als Ju­den zählen …, sondern alle, in deren Adern jüdisches Blut fließt… Nur wer nachweisen kann, daß es in sei­ner Familie seit mindestens fünf Generationen keinen Angehörigen der jüdischen Rasse gegeben hat, kann als echter Arier betrachtet werden.« In der »Kultura« erklärte ein Gleichgesinnter im September 1936 die Juden als »uns so schrecklich fremd, so fremd und unangenehm«, bezeichnete sie als »Rasse für sich« und sogar als »störend für uns«. Er warf Ihnen »ihr ori­entalisches Ungestüm, ihre Streitlust, ihre Denkungsart, die Stellung ihrer Augen, die Form ihrer Ohren, ihr Blinzeln, die Linie ihrer Lippen, einfach alles« als »verletzend für unsere Gefühle« vor.

Manche Nationalisten – wie Stefan Kosicki, der Chefredakteur der »Gazeta Warszawska« – forderten die Ausweisung der Juden. Andere gingen noch wei­ter. Im Dezember 1938 sprach sich die Tageszeitung »Maly dziennik« dafür aus, einen »Krieg« gegen die Juden zu führen, und der Vorsitzende der Nationalde­mokraten (Endek), Roman Dmowski, prophezeite ein »internationales Pogrom gegen Juden«, das dem jüdi­schen Kapitel der Geschichte ein Ende setzen würde.

Es blieb nicht bei Worten. In zahlreichen Orten bra­chen Pogrome aus: in Wilna 1934, in Grodno 1935, in Przytyk und Minsk 1936 sowie in Brest 1937. Zygmunt Szymanowski, ein Professor an der Universität Warschau, äußerte sich 1936 entsetzt über das Verhal­ten von Endek-Studenten in Warschau und Lemberg, die in den Vorlesungspausen jüdische Kommilitonen drangsalierten. Mitte der dreißiger Jahre wurden tau­sende Juden bei Übergriffen verletzt und bis zu drei­ßig ermordet.

Auch der Hirtenbrief, den der Kardinal und Primas von Polen, August Hlond, im Februar 1936 (!) von allen Kanzeln der römisch-katholischen Kirche ver­lesen ließ, war kaum dazu angetan, den polnischen Antisemitismus zu zügeln. Darin hieß es:

»Tatsache ist, daß Juden die katholische Kirche ab­lehnen, sich dem Freidenkertum hingeben und die Vorhut der atheistischen Bewegung, der Bolschewi­kenbewegung« seien. Hlond warf ihnen »staatsfeind­liches Handeln« und eine »verheerende Wirkung auf die Moral« sowie ihren Verlagen die Verbreitung von »Pornographie« vor und unterstellte Ihnen die Verwicklung in »Betrug, Wucher und Menschenhan­del«.

Jüdische Studenten mußten in Hörsälen separat sitzen und durften keine juristischen Berufe mehr ergreifen. Ende 1938 bestand das erklärte Ziel der polnischen Regierung darin, die »jüdische Frage« durch erhöhten Auswanderungsdruck zu lösen.

Doch auch unter der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 änderte sich das Verhältnis zwischen Polen und Juden nur wenig. Am 10. Juli 1941 wurden in dem kleinen Dorf Jedwabne die jüdischen Einwoh­ner von ihren eigenen Nachbarn umgebracht. Und das war kein Einzelfall; es gibt viele andere Beispiele dieser Art. Noch nach Kriegsende wurden ca. 1.500 Juden in Polen ermordet, wobei das Massaker von Kielce im Juli 1946 besonders grausam war.

Aber gehen wir noch weiter zurück und betrachten das Verhältnis Polens zu Deutschland direkt nach dem Ersten Weltkrieg, denn damals, und nicht erst 1939 mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen, beginnt das Vorspiel zur Vertreibung der Deutschen aus ih­ren angestammten Siedlungsgebieten im Osten, – aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Westpreußen.

Diese Vertreibung sollte ja angeblich der Kompensa­tion für verlorene polnische Gebiete an die UdSSR

dienen. Doch das stimmt so nicht. Die Grenzen des neuen polnischen Staates wurden ebenso sehr durch Gewalt wie durch Abstimmungen und internationale Schiedsverfahren festgelegt.

Zwischen 1918 und 1921 führte Polen kleinere Kriege gegen die Ukraine, Deutschland, Litauen, die Tsche­choslowakei und Rußland, mit dem Ergebnis, daß sich Polen wesentlich weiter nach Osten erstreckte als es die Pariser Friedensverträge vorsahen.

In Ostpolen standen die Ukrainer – die von öffent­lichen Anstellungen ausgeschlossen waren – dem neuen Staat derart feindselig gegenüber, daß bald ukrainische Terrororganisationen aktiv wurden, deren Aktionen wiederum brutale polnische Befriedungsex­peditionen nach sich zogen.

Und so ist die heutige polnische Ostgrenze die Gren­ze, die Polen nach dem Ersten Weltkrieg auf Grund der Bevölkerungsstatistik zustand. Die Oder-Neiße-Grenze dagegen ist nur die Erfüllung eines alten pol­nischen Traumes, die friedliche deutsche Ostkolonisa­tion ungeschehen zu machen. Jener Roman Dmowski, der dem Kapitel der Juden in Polen ein Ende machen wollte, erträumte sich diese Grenze westlich von Ber­lin schon vor dem Krieg.

Ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin würde auch die polnischen Verstrickungen in Rassenwahn und Vertreibungsschuld offenlegen. Vielleicht – nein, wohl besonders deswegen wehrt sich Warschau so vehement gegen dessen Errichtung. Ganz im Sinne von Klaus von Dohnanyi haben wir überhaupt keinen Grund, hier um Erlaubnis bei der polnischen Regie­rung nachzusuchen. Die Deutschen haben ihre Lek­tion aus der Geschichte gelernt. Den Polen (und den Tschechen) steht das noch immer bevor.

Prof. Dr. Dr. h. c. Karl-Heinz Kuhlmann Evangelische Theologische Faculteit, Leuven

verwendete Quellen:

Klaus von Dohnanyi: »Hat uns die Erinnerung das Richtige gelehrt?«, UVK, Konstanz 2003

Mali Ferguson: »Krieg der Welt«, Propyläen, Berlin 2006

Quelle: UNABHÄNGIGE NACHRICHTEN 2 / 2008 / 9 f

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Über totoweise

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